INSTALLATION

»GOLDILOCKS ZONE«Marina Koldobskaya, St. Petersburg und Ivan Dubiaga, Krasnodar

Natalia Gershevskaya
Der Begriff »Goldilocks Zone« kommt aus der Astronomie und beschreibt einen Parameterbereich, in dem ein Himmelskörper Leben hervorbringen kann – aber nicht muss. Diese Analogie des erdähnlichen Zustandes ist dem Märchen »Goldilocks and the Three Bears« entnommen, in dem »richtiges Mittelmaß« eine zentrale Rolle spielt. Das kleine Mädchen Goldilocks wählt zwischen zwei Extremen das Mittlere aus – das, was »genau richtig« ist. Wird das »richtige Maß« im komplexen Beziehungsgeflecht der kosmischen Bedingungen eingehalten, dann sind die Umstände für das Entstehen des Lebens gerade ausreichend. Als Titel der Ausstellung, die die aktuellen Werke von zwei russischen Künstlern – Marina Koldobskaya aus St. Petersburg und Ivan Dubiaga aus Krasnodar – präsentiert, tritt der Begriff »Goldilocks Zone« als eine Metapher der künstlerischen Reflexion eines rätselhaften Landes hervor. Die malerischen Arbeiten von Marina und Ivan zeigen ein Leben in der »Goldilocks Zone«, welches sich dem menschlichen Leben auf der Erde ähnelt. Sie verbildlichen die Diskrepanz zwischen Erhabenheit, Schönheit und Harmonie des grenzlosen Universums und dem einfachen, unprätentiösen Leben auf einem unauffälligen Planeten, der ein Bestandteil des Universums ist. Die Formensprache beider Künstler erinnert an die primitiven Darstellungen aus prähistorischer Zeit, die jedoch einen komplexen, auf eine einfache Form komprimierten symbolischen Inhalt vermitteln und auf die Existenz von höheren Kräften verweisen.
Verglichen mit unserer vertrauten Welt ist die »Goldilocks Zone« durch die Dualität der Wahrnehmung durchdrungen: Gut und böse, schön und hässlich, Liebe und Phlegma, Mitgefühl und Brutalität… In der Dichotomie dieser märchenhaften Dimension könnte die Kunst von Marina Koldobskaya für das Paradies, die Kreaturen Ivan Dubiagas aber für eine Metapher der Hölle stehen.t sich in der Gegenwart manifestieren. Seine floral anmutende, transluzente Installation gleicht in ihrer Leichtigkeit und in ihrer Struktur einem musikalischen Werk. In seiner künstlerischen Arbeit versteht sich Aljoscha nicht als Interpret, sondern als ein Komponist, der neue, noch nicht existente Harmonien kreiert. In ihrer bizarren Form scheint seine Arbeit dem nächsten Evolutionsschritt entsprungen zu sein, sie birgt die Energie der Veränderung in sich. Fasziniert von den Utopien des vergangenen Jahrhunderts, überzeugt von den Kapazitäten des menschlichen Geistes und der Wissenschaft, schaut der Künstler in die zukünftige Entwicklung der Menschheit und entwirft neue Formen des Daseins. Die Entstehung seiner Objekte ist ein komplexer Prozess, der einem wissenschaftlichen Vorgang im Bereich der synthetischen Biologie nahe kommt. Aljoscha baut ein »organisches« System, welches in der Natur nicht vorkommt und verleiht diesem neue Eigenschaften – die eines Verkünders. Die fremdartige Schönheit des Kunstwerkes in Kombination mit der erklingenden Musik in der filigranen Architektur der Kuppel der Tonhalle offenbart die Prophezeiung des universellen Glück.
Hört es sich wie eine Utopie an? In 100 Jahren werden wir es überprüfen können.«

The Artist

Marina Koldobskaya (1961) – Künstlerin, Kuratorin, Kunstkritikern und Autorin – gehört der Künstlergeneration an, die in den frühen 90er die avantgardistische Kunstszene St.Petersburgs geprägt hat. Von 2003 bis 2011 leitete Marina die St.Petersburger Filiale des Staatlichen Zentrums für zeitgenössische Kunst. Bis 2014 hatte sie die Position der Kuratorin und Direktorin des Media Art Labors Cyland in St. Petersburg und dessen Festivals Cyberfest inne. Seit 2012 malt Marina Koldobskaya »bunte Blumen, wilde Tiere und übrige Viecher«. Mit dieser radikalen Veränderung ihrer künstlerischen Haltung hat sie mit den diskursiven Zusammenhängen der Postmoderne abgerechnet, sich dem puren Genuss der Malerei hingegeben und sie hat Erfolg! Ihre auf das absolut Wesentliche reduzierten Bilder sind mit Explosionskraft aufgeladen und können in ihrer starken Ausdrucksform mit Hieroglyphen verglichen werden. Sie sind monumental und verwandeln jede Banalität in eine scharfe Dramaturgie. Die Künstlerin bezieht sich auf die Russische Avantgarde und deren Ursprung – die völkische Kunst und Ikonenmalerei – wobei sie in den traditionellen schamanischen Darstellungen, wie Amuletten und Totems, gleichermaßen ihre Faszination findet.

Ivan Dubiaga (1980) gehört zur jüngeren Künstlergeneration, die aktuell die Kunstszene Russlands gestaltet. Seit 1995 setzt er sich mit Kunst und Musik auseinander. 2004 schloss er seine Hochschulausbildung als Museumswissenschaftler mit einer Diplomarbeit zum Thema »Schamanische Kunst« ab. Das künstlerische Schaffen versteht Ivan Dubiaga als die einzige Sphäre menschlicher Tätigkeit, die absolute Freiheit bietet. In seiner Formensprache bezieht sich der Künstler auf Expressionismus, insbesondere auf Edvard Munch. Weitere Referenzen aus der westeuropäischen Kunst bilden für ihn A.R. Penck und Georg Baselitz. Gleichwohl spielen die schamanischen Darstellungen Sibiriens in seinem Kunstverständnis eine omnipräsente Rolle. Befreit von dem Anspruch der »Höheren Kunst« gestaltet Ivan bildnerische Welten mit einer überzeugenden Authentizität. Durch extreme Selbstironie und scharfe Beobachtungsgabe trifft er in seiner künstlerischen Reflexion den Nerv der ihn umgebenden realen Absurdität. Die Bilder von Ivan Dubiaga wirken direkt, vermitteln aber gleichzeitig eine tiefe poetische Stimmung. Die in einer rauen Sprache formulierten Texte sind ein unabdingbarer Bestandteil seines Darstellungssystems und tragen keine narrative Funktion.

Weitere Termine
03. Juni, 12 Uhr
Künstlergespräch/Mal-Performance mit Marina Koldobskaya

08. Juli, 12 Uhr
Künstlergespräch mit Ivan Dubiaga
Moderation: Natalia Gershevskaya

Titelseite: Ivan Dubiaga »Ereignis im Kornfeld«, 2018, 60 x 80 cm., Öl auf Leinwand
Innenseite: Marina Koldobskaya »Cat System«, 2017, 60,5 x 85,5 cm, Acryl auf Papier

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