Goethe Museum | Düsseldorf
03/April/2011 Thema | Projekte
Goethe Museum | Düsseldorf
07.03. bis 11.04.2010
Die Farben der Erinnerung
Im Wohnzimmer eines Sammlers.
Aus der Privatsammlung Jakov Rubinsteins
Die Frühjahrsausstellung zeigte 120 Bilder aus der privaten Sammlung von Jakov Rubinstein (1901 – 1983), der zu den bedeutendsten Sammlern Russlands im 20. Jahrhundert gehörte. Die Sammlung, entstanden in Moskau Ende der 50er Jahre, umfasst u.a. Werke der Kunstgruppe Mir Iskusstva (Welt der Kunst), zahlreiche Grafiken und Aquarelle bis hin zur aktuellen russischen Kunst der 80er Jahre. Von Bedeutung ist Jakov Rubinsteins Tätigkeit als Aufklärer und Entdecker vergessener oder in der Sowjetunion verbotener Künstler. Es wurden Bilder von Olga Rozanova, Igor Grabar, Vladimir Lebedev und anderen namhaften russischen Künstlern gezeigt.
Katalog (4,3 MB)
07.03. bis 11.04.2010
Die Farben der Erinnerung
Im Wohnzimmer eines Sammlers.
Aus der Privatsammlung Jakov Rubinsteins
Die Frühjahrsausstellung zeigte 120 Bilder aus der privaten Sammlung von Jakov Rubinstein (1901 – 1983), der zu den bedeutendsten Sammlern Russlands im 20. Jahrhundert gehörte. Die Sammlung, entstanden in Moskau Ende der 50er Jahre, umfasst u.a. Werke der Kunstgruppe Mir Iskusstva (Welt der Kunst), zahlreiche Grafiken und Aquarelle bis hin zur aktuellen russischen Kunst der 80er Jahre. Von Bedeutung ist Jakov Rubinsteins Tätigkeit als Aufklärer und Entdecker vergessener oder in der Sowjetunion verbotener Künstler. Es wurden Bilder von Olga Rozanova, Igor Grabar, Vladimir Lebedev und anderen namhaften russischen Künstlern gezeigt.
Katalog (4,3 MB)
Jakov Rubinstein (1900-1983), einer der großen russischen Kunstsammler des 20. Jahrhunderts, begann den Aufbau seiner Sammlung mit den Werken, die zwischen 1900 und 1930 in seinem Heimatland entstanden sind. In dieser Zeit des Umbruchs entwickelten sich in Russland neue Ideen, die sowohl die Genesis als auch die Rezeption von Kunst auf ein qualitativ neues Niveau brachten. Diese Periode ist wohl die faszinierendste in der Geschichte russischer Kunst: Vor, nach und während der Revolution von 1917, zu Zeiten überschwänglicher Hoffnung und brutaler Umwälzung, entstanden in Russland die ungewöhnlichsten Dinge.
Noch in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts hatte es kaum russische Maler gegeben, die sich so nachhaltig mit Licht, Farbe und Bewegung beschäftigt hatten. Zudem reagierten russische Kunstkritiker anfangs skeptisch bis ablehnend auf die ersten Ausstellungen ausländischer Kunst in St. Petersburg und Moskau.
Im Jahr 1896 wurden in Moskau erstmals Monet, Degas, Renoir und Sisley einer großen Öffentlichkeit präsentiert. Viele russische Künstler reisten daraufhin nach Paris, um sich mit den aus Europa kommenden Strömungen auseinanderzusetzen. Für die Entwicklung der russischen Kunst waren diese Begegnungen mit dem französischen Impressionismus schicksalhaft.
Das geistige Erwachen schritt am Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Entdeckung Cézannes, van Goghs, Gauguins, Matisses und Picassos weiter.
Nach weniger als zwei Jahrzehnten der Nachahmung gelang es dann den russischen Künstlern, mit dem verinnerlichten Wissen der modernen europäischen Kunst, einen Schritt weiter zu gehen. Nun war die Beziehung reziprok, auch europäische Maler konnten von der russischen Avantgarde lernen. Russischer Kubismus, Kubo-Futurismus, Neoprimitivismus, Rayonismus und Suprematismus entwickelten sich nahezu simultan und im ständigen Austausch; es wurde auch intensiv mit europäischen Kollegen kommuniziert. Viele internationale Ausstellungen waren Quelle fortwährend neuer Inspiration.
Die Revolution 1917 brachte dann einen gewaltigen Einschnitt in der russischen Gesellschaft, ohne eine klare Grenze in der Entwicklung der Kunst zu setzen. Bis 1924 ging das Experimentieren weiter, die Kulturlandschaft Russlands wurde noch bunter als zuvor. Dann aber begann der Staat langsam einen Gleichschaltungsprozess, der im Jahre 1934 seinen ersten Höhepunkt erreichte. Die Kommunistische Partei erließ ein Dekret, in dem der Sozialistische Realismus zum einzig möglichen ideologietreuen Stil erkoren wurde. Ab diesem Moment sollten alternative Strömungen offiziell keine Chance haben. Dennoch gab es immer Gruppen, die ihre Unabhängigkeit vom Regime zu wahren versuchten.
In den 1950er Jahren bildeten sich in Russland erste Sammlerkreise der »verbotenen« Kunst. Zu dieser ersten Generation gehörte auch Dr. Jakov Rubinstein. Er lehrte Wirtschaftswissenschaften an einer Hochschule in Moskau, widmete sich aber leidenschaftlich und mit einem tiefen Wissen der Kunst. Er sammelte »mit den Augen«, vertraute auf den eigenen Geschmack und traf Entscheidungen intuitiv. Rubinstein umgab sich mit Menschen, die Kunst liebten, studierten oder sammelten. Es waren viele junge unbekannte und befreundete Künstler, die sogenannten Nonkonformisten. Er war einer der wenigen Menschen, der ihre Werke kaufte.
Als Kunstkenner war sich Jakov Rubinstein der großen Bedeutung, die die Zeit von 1900 bis 1930 für die Kunstentwicklung hat, bewusst. Das galt für ihn unabhängig davon, ob die Werke in seiner Sammlung den staatlichen Richtlinien entsprachen oder nicht. Er traute sich, seine Kollektion auszustellen, und scheute weder Konflikte, noch Risiken. Ihm war es sehr wichtig, dass diese Kunst gesehen und diskutiert wurde.
Die ehemalige Sammlung Jakov Rubinsteins ist heute nicht mehr vollständig vorhanden, zum Teil gelten die Werke durch die Wirren der Perestroika als verschollen. Seine einzige Enkeltochter, Tanya Rubinstein-Horowitz, hat aber einen Großteil dieser Sammlung bewahren können. Sie lebt in Düsseldorf inmitten dieser gesammelten Erinnerungen an ihren Großvater.
Die erste Ausstellung ist geplant. Schon beim Eintreten in den Ausstellungsraum soll der Besucher den Eindruck bekommen, sich als Gast im Wohnzimmer eines kunstliebenden Menschen zu befinden. Denn es geht nicht nur um die Werke, sondern auch um den Sammler dahinter, um die Persönlichkeit Jakov Rubinsteins.
Aus den Erinnerungen Tanya Rubinstein-Horowitz sollen die Arbeiten nach der »Petersburger Hängung« dramaturgisch an den Wänden inszeniert sein. In der Ecke steht der Tisch des Sammlers, darauf, neben einem altertümlichen Teeglas und einer abgelegten Lesebrille, scheinbar im Gebrauch befindliche aufgeschlagene Ausstellungs-Kataloge liegen. Wir erkennen hier den Katalog »Moskau-Paris« aus dem Jahr 1983. Diese große Ausstellung der russischen Avantgarde, die in Moskau und in Paris stattfand, wäre ohne Werke aus der Sammlung Jakov Rubinsteins weit weniger repräsentativ.
Eines der Gemälde, die von Russland aus nach Frankreich reisen durften, ist »Der Harmonika-Spieler« von Jurij Pimenow aus dem Jahr 1929. Das präsentierte Bild ist für die Wende in der Geschichte russischer Kunst symptomatisch: Man musste sich zwischen der Ideologie und der eigenen Sichtweise entscheiden. Pimenow gab seine Individualität auf. In den 30er Jahren wurde er zu einem Klassiker des sozialistischen Realismus.1929 aber malte er noch wie er wollte. »Der Harmonika-Spieler« zeigt, was auch Pimenov hätte werden können. Der Maler wendet sich an die Tradition der russischen Volkskunst, verwendet offene, leuchtende Farben, vereinfacht Formen und gestaltet ein komplexes symbolisches Bild. All das ist für die Kunst des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts charakteristisch, man erkennt aber auch seinen besonderen Stil. Bald verschwand dieser, Rubinstein hat aber eines der letzten eigenartigen Werke des pre-soz-realistischen Pimenow aufbewahrt.
Die Ausstellung beinhaltet viele Objekte, die sowohl für die Zeit als auch für die spätere Stilistik der Künstler ungewöhnlich sind. Das Stillleben von Olga Rosanova beispielsweise kann als eine Grenze in ihren Werken gesehen werden: Es wurde in 1915 erschaffen und zeigt kaum noch abstrakte Züge. Später in diesem Jahr lernte sie Kasimir Malevich kennen, und begann an suprematistischen Ausstellungen teilzunehmen. Nach und nach wendete sie sich von der Gegenstandskunst ab; über den Einfluss von Cézanne und dem Kubismus ging sie den Weg zu reiner Abstraktion, bis ihre Kunst nur noch aus Formen und Farben bestand.
Das kleinformatige Gemälde von Natan Altman scheint auf den ersten Blick ein abstraktes Bild zu sein. Doch bei näherer Betrachtung ist ein Stillleben zu erkennen. Der Künstler balanciert in seinem Schaffen zwischen Tradition und Experiment. Der russische Kunstwissenschaftler und Übersetzer Abram Efros sagte über ihn: »Altmanns Arbeiten sind modern, aber nicht zu modern, radikal, aber nicht zu radikal: für einen progressiven Betrachter bestimmt - doch viel eher für ehrwürdige Museumswände als für Underground-Salons«.
Die Sammlung der grafischen Arbeiten aus der Welt des Theaters lag Jakov Rubinstein besonders am Herzen. Die Bilder sind vielfältig und veranschaulichen die Umbruchstimmung zu ihrer Zeit. Von der Gruppe »Welt der Kunst«, der russischen Version des Jugendstils, über den Symbolismus der Künstlergruppe »Blaue Rose«, zu schlichten konstruktivistischen Darstellungen: Diese Bühnenbild- und Kostümskizzen sowie freie Entwürfe vermitteln eine Vorstellung vom russischen Theater des späten 19. Jahrhunderts bis in die 1940er Jahre.
Die vielleicht faszinierendste Besonderheit der Sammlung ist die Fülle von Künstlerporträts und Selbstporträts in einer Vielfalt grafischer Techniken. So sehen wir nicht nur russische Kunst, sondern auch russische Künstler. Ihre Ideen und der damalige Zeitgeist leben immer noch - in dieser Sammlung und im Werk zahlloser späterer Künstler. Durch den privaten Kammercharakter der Ausstellung wird die Frische und Aktualität der Sammlung noch deutlicher, da man mittendrin ist. Es fehlen nur noch Jakov Rubinsteins begeisterte Kommentare.
